An der wilden Südküste Westaustraliens bezaubert die Jahreszeit Bunuru des Noongar-Volkes mit warmen Sommerwinden und der goldgelben Farbenpracht der Moodjar-Bäume.


Vorgestellt von Carolyn Beasley

Die Älteste Vernice Gillies vom Volk der Menang Noongar betrachtet die zum Meer hin abfallende Granitlandzunge und die fisch‑ und meeresfrüchtereichen, unberührten Buchten von Albany (Kinjarling) durch die Augen ihrer Vorfahren. Ihr Wissen, das sich auf gesammelte Erfahrungen aus mindestens 40.000 Jahren stützt, teilt sie großzügig.

Vernice Gillies erklärt, dass für das Volk der Noongar in der zweiten Hälfte des Sommers gewöhnlich die Jahreszeit Bunuru näher rückt, die sich durch die höchsten Temperaturen und eine Abnahme der starken östlichen Winde auszeichnet.

„Bunuru ist die heißeste und trockenste Zeit in unserem Jahr und wir müssen darauf achten, kein Feuer zu machen“, erläutert sie.

In dieser Zeit im Jahr kamen die Menang, die den Winter im Landesinneren verbrachten, zurück an die Küste. Kinder haben heute an warmen, sonnigen Tagen ihren Spaß im seichten Wasser, doch Vernice Gillies weiß, dass die Menang nicht schwammen. Traditionell waren sie kein „Meeresvolk“.

Bunuru ist die Zeit der Jungtiere in der Natur, was sich auf die Jagd auswirkt.

„In dieser Zeit wurde nicht so viel gejagt, da die Tiere ihre Jungen im Beutel trugen“, so Vernice Gillies. „Die Menschen fingen Fisch, hielten Ausschau nach einem fetten Emu oder fingen vielleicht einen jungen Kängurubock.“


Buschnahrung mit Kurrah Mia in Denmark

Buschnahrung mit Kurrah Mia, Denmark


In der Jahreszeit Bunuru kann das Nahrungsangebot etwas knapper sein, denn die vorausgehende Birak stellte das Ende der Saison einheimischer Beeren dar.

„Doch es gab immer irgendetwas“, meint Vernice Gillies. „Die Menschen gruben zum Beispiel nach Wurzelknollen wie Meen (Haemodoraceae), die wie eine Kreuzung aus Chili und Zwiebel schmecken. Diese Wurzeln mithilfe von Grabestöcken auszubuddeln war eine Aufgabe für Frauen und Kinder.“

Bunuru zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Moodjar, der einheimische Weihnachtsbaum Westaustraliens seine Blütenpracht in Goldgelb entfaltet.


Moodjar-Baum

Moodjar-Baum


„Einige wenige Blüten öffnen sich schon in Birak, aber erst in der Jahreszeit Bunuru stehen die Bäume in voller Blüte, denn sie lieben die Wärme“, erläutert Vernice Gillies.

Der Moodjar hat für die Völker der Noongar spirituelle Bedeutung und Vernice Gillies erklärt, dass die Seelen der Verstorbenen sich beim Ringen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits in diesem Baum ausruhen. Aus diesem Grund ist der Moodjar für die Noongar heilig und unantastbar. Während der überbordenden Blütenpracht in Bunuru zeigt die Natur weitere Zeichen, die das Tabu des Baumes verstärken.

„Die Blüten ziehen zahllose Ameisen und Bienen an“, meint Vernice Gillies. „Nicht gestochen oder gebissen zu werden, ist also noch ein Grund, diese Bäume in Ruhe zu lassen.“

Vernice Gillies ist Mitinhaberin des Reiseunternehmens Kurrah Mia, das drei Haupttouren anbietet. Auf der Mount Clarence Tour erfahren die Teilnehmenden mehr über die jahreszeitlich bedingte Wanderung des Menang-Volkes zwischen dem Landesinneren und der Küste sowie über ihr lokales Wirtschaftsleben und ihre Kultur.

„Diese Tour führt auf den Berggipfel mit Ausblicken auf Borongur, die Porongurups und die Koi Kyenunu-ruff oder Stirling Ranges“, führt sie aus.


Auf einem Ausflug mit Kurrah Mia in Albany

Tour with Kurrah Mia, Albany


Das Ziel der Quaranup Aboriginal Walking Tour ist Quaranup, von wo aus Ihnen Princess Royal Harbour zu Füßen liegt. Ein Höhepunkt dieser Tour ist der Blick in ein traditionelles Felsenbecken. Solche Wasserreservoire wurde von den Noongar durch Erhitzen des Felsgesteins mit Feuer und anschließendem Übergießen mit kaltem Wasser geschaffen, da auf diese Weise der Fels barst. Ein so entstandener Riss wurde aufgehackt und in den entstandenen Hohlraum wurde anschließend ein Stein gelegt. Durch Bewegung des Steins bei starkem Wasserfluss wurde das Loch immer tiefer.

„Unserer Vorfahren kann man gut und gerne als kundige Naturwissenschaftler bezeichnen“, stellt Vernice Gillies fest.

Die dritte von Kurrah Mia angebotene Tour führt zu acht uralten Fischreusen in der Meerenge zum Oyster Harbour.

„Die Reusen wurden genutzt, wenn hier viele Menschen versammelt waren. Vielleicht kamen sie zu einem Corroboree zusammen, zu dem auch Aboriginal People aus anderen Gegenden unter anderem zum Fischessen eingeladen wurden“, so Vernice Gillies.

Bei Flut wurden Meeräschen, Stachelrochen und andere Fische in die Reusen gespült. Daraufhin wurde der Eingang mit einem Stein verschlossen, sodass die Fische nicht entkommen konnten. Um die Reusen herum wurden Zweige und Äste gestapelt, damit große Fische nicht darüber springen konnten. Kleine Fische entkamen auf natürliche Weise durch Lücken in den Felsen.

Neben den atemberaubenden Landzungen aus Granit um Albany, dem Buschland mit seiner hohen Biodiversität und einer wilden Küste sind diese beeindruckenden Reusen, die die Völker der Menang Noongar über Jahrtausende mit Fisch versorgten, laut Vernice Gillies unbedingt einen Besuch wert. 


Luftaufnahme von The Gap im Torndirrup National Park in Albany

The Gap, in der Nähe von Albany


„Menschen sind völlig begeistert, wenn in Ägypten oder an einem andern Ort 3.000 Jahre alte menschliche Stätten gefunden werden. Und nun stellen Sie sich einmal vor, dass wir hier direkt vor unserer Haustür 6.500 bis 10.000 Jahre alte Überresten haben!“, preist sie an.

Mit bestem Wetter, einer großen Zahl an Tierkindern in der Natur und dem leuchtend goldgelben Blütenmeer der Moodjar in spektakulären Formen ist die Bunuru-Saison die wohl schönste Zeit für einen Besuch in der Region.



Veröffentlicht im Januar 2024.